Ich erzähle hier manchmal Geschichten aus meiner Arbeit – und zwar immer so, dass Autorinnen und Autoren anonym bleiben. Was ich weitergebe, sind keine Details, die irgendjemanden identifizierbar machen würden. Es sind Momente, Eindrücke, Erkenntnisse.

Dieser Beitrag handelt von einem Manuskript, das mich wirklich überrascht hat – und von dem, was ich dabei gelernt habe.

Ein Manuskript, das ich falsch eingeschätzt hatte

Die Anfrage klang zunächst unspektakulär: Ein Sachbuch über ein Nischenthema, erster Versuch der Autorin, keine Verlagserfahrung. Ich hatte – ich gebe es zu – im ersten Moment nicht die größten Erwartungen. Das ist keine Wertung, sondern einfach die ehrliche Beschreibung dessen, was ich mir, bevor ich die erste Seite gelesen hatte, gedacht habe.

Dann öffnete ich das Dokument.

Eine Stimme, die ich so nicht erwartet hatte

Schon die ersten Seiten hatten etwas, das ich selten so ausgeprägt bei Erstlingswerken finde: eine klare, eigenständige Stimme. Die Autorin schrieb nicht, wie sie dachte, dass man schreiben müsste. Sie schrieb so, wie sie dachte – direkt, lebendig, mit einer Mischung aus Fachkenntnis und echtem Erzähltalent.

Das Manuskript hatte auch Schwächen. Die Struktur war an einigen Stellen nicht ganz schlüssig, ein Kapitel hatte sich vom Rest gelöst, und sprachlich gab es Längen. Aber das alles war lösbar – und das Fundament war stark.

Was ich in diesem Projekt gelernt habe

Erstens: Vorerwartungen sind nützlich – aber nie endgültig. Ich versuche, jedes Manuskript so offen wie möglich anzugehen, aber ich bin auch nur ein Mensch. Dieses Projekt hat mich wieder daran erinnert, dass Talent keine Vita braucht.

Zweitens: Eine starke Autorenstimme ist etwas, das ich als Lektorin schützen und fördern muss – nicht ersetzen. Mein Job ist nicht, ein Buch nach meinen Vorstellungen umzuschreiben. Mein Job ist, das Beste aus dem herauszuholen, was die Autorin oder der Autor bereits mitbringt.

Drittens: Manchmal ist ein Manuskript, das auf den ersten Blick „unfertig“ wirkt, näher an seiner endgültigen Form als eines, das makellos poliert, aber irgendwie leblos ist.

Was aus dem Buch geworden ist

Das Buch wurde veröffentlicht. Es hat eine treue Leserschaft gefunden. Und die Autorin hat mir geschrieben, dass sie das Lektorat als einen der wichtigsten Schritte im gesamten Entstehungsprozess empfunden hat.

Das ist der Moment, für den ich diesen Beruf mache.

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